Kapitel 6 von 15
Besondere Einsatzlagen
6.1 Übersicht besonderer Einsatzlagen
Neben dem 'klassischen' MANV durch ein Unfallereignis gibt es eine Vielzahl besonderer Einsatzlagen, die spezifische Kenntnisse und Verhaltensweisen erfordern.
| Einsatzlage | Kürzel | Besonderheit für LNA / OrgL |
|---|---|---|
| Lebensbedrohliche Einsatzlage (Amok, Terror) | LebEL | Drei-Zonen-Modell; Eigensicherung; enge Zusammenarbeit mit Polizei |
| CBRNE-Gefahren | CBRNE | Dekontamination vor Behandlung; FwDV 500; keine Eigengefährdung |
| Großveranstaltungen | — | Vorgeplant; BHP-50 Bereitstellung; definierte Alarmierungsschwellen |
| Schienenunfälle | — | Zugangsprobleme; Stromgefahr; Rettungsachse mit DB Netz |
| Luftfahrzeugunfälle | — | Kerosinbrand; Gefahrgut; internationale Koordination möglich |
| Naturgefahren (Unwetter, Hochwasser, Hitze) | — | Dezentrale Schadensorte; Infrastrukturausfall |
| Krankenhausalarm | KAEP | Evakuierung liegender Patienten; besonderer Ressourcenbedarf |
| Infektionslagen | IfSG | Schutzkleidung; Meldepflicht; ÖGD koordiniert |
6.2 Terroristische Anschläge und Amoklagen – Das HEIKAT-Konzept
Terroristische Anschläge und Amoklagen stellen besondere Herausforderungen dar, weil die Einsatzkräfte selbst gefährdet sein können. Das HEIKAT-Konzept („Handlungsempfehlung zur Eigensicherung für Einsatzkräfte der Katastrophenschutz- und Hilfsorganisationen bei einem Einsatz nach einem Anschlag“) gibt einen bundesweit abgestimmten Rahmen vor.
Erkennen einer besonderen Lage
Nicht immer ist bei Alarmierung klar, dass es sich um eine besondere Einsatzlage handelt. Indikatoren können sein:
Vielzahl von Verletzten ohne direkt ersichtlichen Grund
Ungewöhnliche Verletzungsmuster (z. B. Schussverletzungen, Verletzungen durch Explosion)
Berichte über Täter oder weiterhin gefährliche Situation
Unklare Ursache bei mehreren gleichzeitig Betroffenen
🟡 MERKSATZ Im Zweifel melden! Jede Einsatzkraft, die eine verdächtige oder ungewöhnliche Beobachtung macht, muss diese sofort an die Führung melden. Nur so können potenzielle Gefahren erkannt und berücksichtigt werden. |
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Das Drei-Zonen-Modell
Das HEIKAT-Konzept teilt die Einsatzstelle in drei Bereiche mit unterschiedlicher Gefährdungslage:
| Zone | Farbe | Gefährdung | Zulässige Kräfte | Zulässige Maßnahmen |
|---|---|---|---|---|
| Unsicherer Bereich | ROT | Unmittelbare Lebensgefahr | Nur Polizei | Keine rettungsdienstlichen Maßnahmen; Rückzug wenn möglich |
| Teilsicherer Bereich | GELB | Keine unmittelbare, aber mögliche Gefahr | Alle Kräfte unter Polizeischutz | Nur Lebensrettende Sofortmaßnahmen (LSM): Blutungsstillung, Atemwegssicherung, Lagerung |
| Sicherer Bereich | GRÜN | Polizeilich gesichert | Alle Kräfte | Vollständige medizinische Versorgung; Sichtung; Transport |
🔴 WICHTIG Nichtpolizeiliche Einsatzkräfte arbeiten im gelben Bereich ausschließlich mit Lebensrettenden Sofortmaßnahmen! Weiterführende medizinische Maßnahmen erst im grünen Bereich. Die eigene Sicherheit hat immer Vorrang! |
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Lebensrettende Sofortmaßnahmen (LSM) im Gelbbereich
Im teilsicheren Bereich sind folgende Maßnahmen zulässig und sollen möglichst schnell durchgeführt werden:
Stillen lebensbedrohlicher Blutungen (Tourniquet, Druckverband, Wundpacker)
Freimachen und Freihalten der Atemwege (stabile Seitenlage, ggf. einfache Atemwegssicherung)
Positionierung / Lagerung
Schnellstmögliche Evakuierung in den grünen Bereich
Zusammenarbeit Polizei und nichtpolizeiliche Gefahrenabwehr
Die Zusammenarbeit zwischen Polizei und Rettungsdienst / Feuerwehr bei LebEL-Lagen erfordert enge Koordination. Wichtige Prinzipien:
Frühzeitig Verbindungspersonen auf allen Ebenen einsetzen
Gemeinsames Lagebild anstreben: Einsatzstelle, Täterposition, Fluchtrichtung
Grundsatz: Schnelligkeit hat Vorrang vor Vollständigkeit bei der Erstmeldung
Polizei sichert den roten Bereich – Rettungsdienst arbeitet im grünen Bereich
Die Polizei arbeitet mit BAO-Strukturen (Besondere Aufbauorganisation). BAO Phase 1 = lokale Polizeikräfte; BAO Phase 2 = Führungsstab unter Polizeiführer. Die Polizei führt mit hoher Gliederungsbreite (bis zu 9 Einsatzabschnitte), aber geringer Gliederungstiefe.
MEHR WISSEN?! Der QR-Code bringt Sie zur Website des BBK, wo Sie die umfangreiche Broschüre „Handlungsempfehlung zur Eigensicherung für Einsatzkräfte der Katastrophenschutz- und Hilfsorganisationen bei einem Einsatz nach einem Anschlag (HEIKAT)“ direkt downloaden können. Sie erhalten die Broschüre aber auch während des Präsenzlehrgangs und finden Sie in den begleitenden, digitalen Unterlagen. |
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6.3 CBRNE-Lagen – Grundprinzipien
CBRNE steht für: Chemisch – Biologisch – Radiologisch – Nuklear – Explosiv. Diese Lagen erfordern besondere Schutzmaßnahmen und spezifische Vorgehensweisen.
Das Zonenprinzip bei CBRNE
| Zone | Farbe | Beschreibung |
|---|---|---|
| Heiße Zone | ROT | Unmittelbar kontaminierter Bereich; nur Spezialkräfte mit vollständiger Schutzausrüstung |
| Warme Zone | GELB | Übergangsbereich; Dekontaminationszone; Erstversorgung nach Dekontamination |
| Kalte Zone | GRÜN | Sauberer Bereich; vollständige medizinische Versorgung; kein Kontaminationsrisiko |
🔴 WICHTIG GRUNDPRINZIP BEI CBRNE: Dekontamination vor Behandlung! Ein kontaminierter Patient darf nicht in ein Krankenhaus transportiert werden. Das Krankenhaus und alle Pflegenden würden sonst kontaminiert. Ausnahme: Unmittelbar lebensbedrohliche Verletzungen, die ohne Behandlung zum Tod führen. |
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6.4 Großveranstaltungen – Vorgeplante Lagen und MANV-Bereitschaft
Sportveranstaltungen, Konzerte, Volksfeste und politische Großereignisse gehören zu den planbaren Einsatzlagen — und genau das ist ihre wichtigste Besonderheit. Während beim spontanen MANV alles unter Zeitdruck und mit unvollständigen Informationen entschieden werden muss, haben LNA und OrgL bei Großveranstaltungen die Möglichkeit, vorher zu denken: Infrastruktur prüfen, Ressourcen vorab positionieren, Alarmierungsschwellen definieren und Übergaben strukturieren.
Sanitätsdienstplanung und Alarmierungsschwellen
Die Grundlage der sanitätsdienstlichen Planung ist die Patientenkontaktrate (PPR – Patient Presentation Rate): die Anzahl der erwarteten Sanitätskontakte je 1.000 Besucher pro Stunde. Sie variiert stark nach Veranstaltungstyp — von 0,5 beim Klassikkonzert bis über 5 bei Rockfestivals mit Alkoholausschank oder sportlichen Extremveranstaltungen. Aus der PPR, der erwarteten Besucherzahl und der Veranstaltungsdauer ergibt sich der rechnerische Sanitätsdienst-Bedarf.
Für den MANV-Fall werden Alarmierungsschwellen vorgeplant: Ab einer definierten Anzahl gleichzeitig behandlungsbedürftiger Patienten wird automatisch die nächste Ressourcenstufe aktiviert. Diese Schwellen müssen vor der Veranstaltung mit der Leitstelle abgestimmt und schriftlich dokumentiert sein.
ℹ️ HINWEIS Als OrgL bei einer Großveranstaltung nutzen Sie vorhandene Infrastruktur aktiv: Die Sanitätsstation kann als Patientenablage dienen. Aber: Sie ist für den Regelfall dimensioniert — nicht für den MANV. Prüfen Sie vor der Veranstaltung, ob Fläche, Personal und Material für einen spontanen MANV ausreichen. Definieren Sie den Punkt, ab dem Sie externe Ressourcen (EE NRW, AB-MANV) anfordern. |
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Besonderheiten für LNA und OrgL
Patienten bei Großveranstaltungen zeigen oft andere Verletzungsmuster als beim klassischen Unfall-MANV: traumatische Verletzungen durch Gedränge (Crushing Injuries, Crush Syndrome), Hyperthermie bei Outdoor-Events im Sommer, Massenintoxikationen durch Alkohol oder Drogen, Hitzschlag und Dehydratation sowie psychische Reaktionen (Massenpanik). Der LNA muss diese Verletzungsmuster kennen und das Sichtungsschema entsprechend anwenden.
Die Zusammenarbeit mit dem Veranstalter ist frühzeitig zu klären: Wo sind die Zu- und Abfahrtswege? Welche Kommunikationsmittel nutzt der Sicherheitsdienst? Wo ist die Sammelstelle für verlorene Kinder und Vermisste? Wer ist der Ansprechpartner für Evakuierungsentscheidungen?
Ressourcenabschätzung für den Sanitätsdienst – Der Kölner Algorithmus
Wer den Sanitätsdienst für eine Großveranstaltung allein nach dem Daumenmaß „X Helfer pro 1.000 Besucher" plant, unterschätzt die tatsächlichen Anforderungen systematisch — oder überschätzt sie, was zu unnötiger Bindung von Ressourcen führt. Der Kölner Algorithmus (Kastner, Schmidt, Sladek; veröffentlicht 2006 in BrandSCHUTZ) bietet stattdessen ein strukturiertes Planungsmodell, das Veranstaltungsrisiken aus mehreren Blickwinkeln bewertet und in einen konkreten Kräfteansatz überführt. Er ist in fünf Schritte gegliedert: Notwendigkeitsprüfung, Raumplanung (Hilfsfristmodell), Stärkeplanung (Häufigkeitsmodell), Besonderheiten und Führungsorganisation.
Schritt 1 – Notwendigkeitsprüfung: Ausgangspunkt ist die Abschätzung der erwarteten Einsatzhäufigkeit. Der Algorithmus arbeitet mit empirisch ermittelten Schätzfaktoren aus Kölner Großveranstaltungen (Karneval, Love-Parade, Kirchentag): Danach sind pro 1.000 Besucher und 10 Stunden Veranstaltungsdauer im Mittel 2 ‰ sanitätsdienstliche Versorgungen zu erwarten (Schätzfaktor SanD: 0,0002 Einsätze/h). Davon erfordern ein Fünftel eine rettungsdienstliche Versorgung mit Transport (0,4 ‰, RTW-Faktor 0,2), und von diesen wiederum ein Zehntel notärztlichen Einsatz (0,04 ‰, NEF-Faktor 0,1). Diese Basiswerte schließen einen ingenieurstypischen Sicherheitszuschlag ein. Aus Besucherzahl, Veranstaltungsdauer und den Schätzfaktoren ergibt sich die Gesamtzahl erwarteter Patientenkontakte — und damit die erste Entscheidung: Ist ein eigenständiger Sanitätsdienst überhaupt notwendig, oder kann der reguläre Rettungsdienst die Zusatzeinsätze abdecken?
Diese Basiswerte werden durch einen Risikofaktor (R) modifiziert, der aus fünf Einzelbewertungen durch Multiplikation gebildet wird:
R.1 – Wetter: Temperatur über 25 °C und/oder Luftfeuchte über 50 % (Faktor 1–2)
R.2 – Publikum: Überwiegend Teenager oder Senioren (Faktor 1–2)
R.3 – Massenphänomene: Teenie-Effekt (synchrone Kreislaufzusammenbrüche), Staueffekte vor Engstellen, Marathon-Effekt im Zielbereich (Faktor 1–5, bei Massenphänomenen bis 10)
R.4 – Suboptimale Versammlungsstätte: Fehlende Sanitäranlagen, hohe Personendichten, provisorische Zugänge, eingeschränkte Erreichbarkeit (Faktor 1–5)
R.5 – Erfahrungswerte: Normierungsfaktor für eigene Erkenntnisse aus vorherigen Veranstaltungen (Faktor 1–X)
Ein Risikofaktor von 1,0 entspricht dem Standardfall ohne Besonderheiten. Das Praxisbeispiel aus dem Kölner WM-Fanbereich 2006 (40.000 Besucher, 10 Stunden, Hitze und schwierige Zufahrt) ergab einen Gesamtrisikofaktor von 2,25 — und damit eine erwartete Gesamtzahl von 180 sanitätsdienstlichen Versorgungen.
Schritt 2 – Raumplanung (Hilfsfristmodell): Das Schutzziel legt fest, in welcher Zeit nach einem Notfall die erste Versorgung einsetzen soll — in Köln standardmäßig 5 Minuten, andernorts entsprechend der jeweiligen Landesrettungsdiensthilfsfrist. Aus diesem Zeitwert und der Bewegungsgeschwindigkeit von Sanitätstrupps ergibt sich die maximal zulässige Wachbezirksgröße: bei stehendem Publikum 50 m/min → maximal 250 m Bezirksradius; bei gedrängt stehendem Publikum 25 m/min → 125 m. Durch Nutzung von Rädern oder Fahrzeugen lässt sich die Bezirksgröße auf bis zu 500 m ausdehnen. Das Gesamtgelände wird anschließend in Wachbezirke eingeteilt — unter Berücksichtigung baulicher Abschnitte, Brandabschottungen und der verkehrlichen Erreichbarkeit.
Schritt 3 – Stärkeplanung (Häufigkeitsmodell): Für jeden Wachbezirk wird die Einsatzhäufigkeit analog zur Gesamtberechnung bestimmt. Aus dieser Häufigkeit folgt der konkrete Kräfteansatz.
🟡 MERKSATZ Eine Großveranstaltung, für die kein Konzept für einen Sanitätsdienst vorliegt (zumindest im Rahmen eines allgemeinen Sicherheitskonzeptes), ist keine Veranstaltung – sie ist ein unkontrolliertes Risiko. Als LNA oder OrgL im Bereitschaftsdienst für Großveranstaltungen lesen Sie das jeweilige Konzept vor dem Eintreffen oder idealerweise lange im Vorfeld, aber nicht erst nach dem ersten Patienten. |
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MEHR WISSEN?! Der QR-Code bringt Sie zur Website des „HiOrg-Servers“, die eine exemplarische, digitale Umsetzung „Kölner Algorithmus“ veröffentlicht haben. Hier kann eine Planung der medizinischen Gefahrabwehr bei Großveranstaltungen direkt durchgespielt werden. Über den Link im Kopf der Seite gibt es auch weitere, hilfreiche Informationen. |
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6.5 Schienenunfälle
Schienenunfälle stellen besondere taktische Herausforderungen dar, weil der Einsatzort – Gleiskörper, Tunnel, Unterführung, Brücke – strukturell schwer zugänglich ist und gleichzeitig erhebliche Eigengefahren birgt.
Besondere Gefährdungslagen
Die wichtigste Gefahr ist die elektrische Spannung an Oberleitungen und Stromschienen. Fahrleitungen im Fernbahnnetz führen 15.000 Volt Wechselspannung. Dritte-Schiene-S-Bahn-Systeme (z. B. Berlin, Hamburg) nutzen 750–1200 Volt Gleichspannung über die Stromschiene. S-Bahn-Netze mit Oberleitung (z. B. Frankfurt, München, Stuttgart) führen dieselben 15.000 Volt Wechselspannung wie die Fernbahn. Die Spannungsart und das Abschaltsystem müssen daher vor Ort beim Betreiber erfragt werden — keine pauschale Annahme über das System. Eine Freischaltung muss zwingend durch die zuständige Netzleitstelle der DB Netz AG oder des örtlichen Betreibers erfolgen und schriftlich bestätigt werden, bevor Einsatzkräfte auf oder nahe dem Gleiskörper arbeiten. Als Führungskraft: Keine Freigabe durch mündliche Zusage — immer schriftliche Bestätigung der Freischaltung einfordern.
Weitere Besonderheiten: Im Tunnelbereich kann der Rauch- und Schadgasaustritt lebensbedrohlich sein; die Kommunikation über BOS-Funk ist häufig stark eingeschränkt; Abschnittsgrenzen können mehrere hundert Meter vom nächsten Zugang entfernt liegen. Bei Hochgeschwindigkeitszügen ist mit langen Zugverbänden zu rechnen, die sich über mehrere hundert Meter erstrecken können.
Koordination mit der Bahn
Schienenunfälle sind typische interorganisationale Lagen. Die Deutsche Bahn hält speziell ausgebildete Sicherungsposten und Notfallmanager vor, die bei größeren Ereignissen schnell vor Ort sind. Der OrgL baut frühzeitig Kontakt zum DB-Notfallmanager auf: Er kennt die Streckensperrungen, die verfügbaren Zufahrtswege und die technische Rettungsausstattung des Bahnbetriebs. Zusätzlich können Rettungszüge der DB (Tunnelrettungszüge bei Tunneleinsätzen) angefordert werden.
ℹ️ HINWEIS Rettungsachse klären: Die nächste befahrbare Zufahrt zum Schienenunfall ist oft nicht identisch mit der nächsten Straße. Der DB-Notfallmanager kennt die genehmigten Rettungsachsen. Im Zweifel immer zuerst fragen — falsche Zufahrten können Gleise beschädigen oder Einsatzkräfte gefährden. |
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6.6 Luftfahrzeugunfälle
Luftfahrzeugunfälle sind statistisch selten, aber wenn sie eintreten, sind sie in aller Regel Lagen mit vielen Verletzten und einem komplexen Gefahrenspektrum. Das Wissen über die spezifischen Risiken und die überregionale Koordination ist für LNA und OrgL unverzichtbar.
Spezifische Gefahrenlagen
Kerosin (Jet A-1) ist das größte Brandrisiko bei Luftfahrzeugunfällen. Es ist schwer entzündlich, bildet aber bei Raumtemperatur explosive Dampf-Luft-Gemische. Feuerwehr und Flughafenfeuerwehr sind auf diese Gefahr spezialisiert und müssen die Schadensstelle zunächst sichern, bevor rettungsdienstliche Kräfte in die unmittelbare Absturzzone einrücken. Bei Unfällen außerhalb von Flughäfen ist die nächste Flughafenfeuerwehr ggf. anzufordern.
Weitere Besonderheiten: Moderne Flugzeuge enthalten erhebliche Mengen an Gefahrstoffen — Hydraulikflüssigkeit, Sauerstoffsysteme, Lithium-Akkumulatoren in Unterhaltungselektronik. Bei Militärflugzeugen können zusätzlich Munition und Raketentreibstoffe vorhanden sein. Bei Luftfahrzeugunfällen mit ausländischen Flugzeugen ist frühzeitig die Leitstelle anzuweisen, internationale Koordination über die Leitstelle des betreffenden Landes oder der internationalen Behörden (ICAO, EU-Fluglotsenbehörde) zu initiieren.
Internationale Koordination
Flughafenunfälle werden in der Regel durch die Flughafenfeuerwehr geleitet, die nach ICAO-Standards ausgebildet ist. Der LNA und OrgL des örtlichen Rettungsdienstes werden in die bestehende Führungsstruktur eingebunden. Außerhalb von Flughäfen übernimmt der Einsatzleiter nach BHKG die Gesamtverantwortung — LNA und OrgL führen den EA Medizinische Rettung wie beim regulären MANV.
🟡 MERKSATZ Bei Luftfahrzeugunfällen gilt: Die Feuerwehr sichert zuerst — der Rettungsdienst rückt nach. Keine eigenständige Vorgehensweise in der unmittelbaren Absturzzone vor Freigabe durch die Feuerwehr. Die Absicherung gegen Folgebrände und Gefahrstoffe ist Voraussetzung für jede Patientenversorgung. |
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6.7 Naturgefahren – Unwetter, Hochwasser und Hitzewelle
Naturereignisse unterscheiden sich vom klassischen MANV durch ihre räumliche Ausdehnung, die Dauer der Lage und die mögliche Beeinträchtigung der Infrastruktur. Sie fordern von LNA und OrgL besondere Fähigkeiten in der überörtlichen Ressourcenkoordination und in der Aufrechterhaltung des Einsatzbetriebs über Stunden und Tage.
Unwetter und Hochwasser
Bei großflächigen Überschwemmungen sind Einsatzstellen dezentralisiert — es gibt nicht 'eine' Einsatzstelle, sondern viele gleichzeitige, über ein weites Gebiet verteilte Hilfsbedürftigkeiten. Die Leitstelle muss mehrere parallele Lagen koordinieren. Der OrgL oder LNA kann nur dann sinnvoll führen, wenn ein geografisches Lagebild besteht: Wo sind Personen eingeschlossen? Welche Straßen sind überspült? Welche Brücken sind noch befahrbar?
Die DLRG und THW-Einheiten mit Wasserschadenspumpen und Booten werden frühzeitig angefordert, da sie Ressourcen einbringen, die der reguläre Rettungsdienst nicht vorhalten kann. LNA und OrgL koordinieren medizinische Ressourcen an den Sammelstellen — nicht an den einzelnen Einsatzorten.
Hitzewelle
Hitzewellen sind langsam einsetzende Ereignisse — die Lage eskaliert nicht in Sekunden, sondern über Stunden und Tage. Dennoch können sie MANV-Charakter annehmen: Altenheime, psychiatrische Einrichtungen und sozial isolierte ältere Menschen sind besonders gefährdet. Hitzschlag (Körpertemperatur > 40 °C mit Bewusstseinsstörung) ist ein lebensbedrohlicher Notfall, der von Hitzeerschöpfung (Schwindel, Übelkeit, niedriger Blutdruck bei noch erhaltener Thermoregulation) klinisch unterschieden werden muss.
Als LNA bei einer Hitzewellen-Lage koordinieren Sie frühzeitig mit dem ÖGD und dem Pflegepersonal der betroffenen Einrichtungen. Kühlung ist die wichtigste Sofortmaßnahme; Flüssigkeitszufuhr (oral wenn möglich, i.v. wenn nötig) folgt. Die Transportpriorität richtet sich nach dem neurologischen Status.
ℹ️ HINWEIS Langanhaltende Lagen wie Hochwasser oder Hitzewellen erschöpfen Einsatzkräfte. Als Führungskraft müssen Sie frühzeitig Ablöseplanungen initiieren und auf Anzeichen von Überlastung im Team achten — auch wenn alle noch sagen 'es geht noch'. Die eigene Belastbarkeitsgrenze wird im Einsatzadrenalin regelmäßig überschätzt. |
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6.8 Infektionslagen und Massenanfall von Erkrankten (MANE)
Ein Massenanfall von Erkrankten (MANE) entsteht ohne Traumaereignis — durch Infektionskrankheiten, Lebensmittelvergiftungen, toxische Expositionen oder epidemiologische Ereignisse. Der MANE folgt denselben Führungsprinzipien wie der MANV, stellt aber besondere Anforderungen an den Infektionsschutz und die Kommunikation mit dem Öffentlichen Gesundheitsdienst.
Erkennen eines MANE
MANE-Lagen entstehen häufig schleichend. Erste Anzeichen: Mehrere Personen am selben Ort klagen gleichzeitig über ähnliche Symptome (Übelkeit, Erbrechen, Dyspnoe, Bewusstseinsstörungen). Infektiöse MANE-Lagen zeigen sich oft als 'Ausbrüche' in geschlossenen Einrichtungen wie Schulen, Kindergärten, Altenheimen oder Veranstaltungsstätten. Als ersteintreffende Kraft ist das epidemiologische Muster entscheidend: Sind viele Personen mit gemeinsamer Exposition betroffen, muss sofort an eine gemeinsame Infektionsquelle oder toxische Ursache gedacht werden.
Infektionsschutz für Einsatzkräfte
Beim Verdacht auf eine übertragbare Erkrankung gilt: Persönliche Schutzausrüstung (PSA) anlegen, bevor Patient kontaktiert wird. Je nach Übertragungsweg (Tröpfchen, Aerosol, Kontakt) sind unterschiedliche PSA-Level erforderlich. Im Zweifel gilt das höhere Schutzlevel, bis eine Diagnose vorliegt. Kontaminierte Patienten nicht in den normalen Rettungsdienstbetrieb einspeisen — eine dedizierte Infektionsschutz-Übergabe mit dem aufnehmenden Krankenhaus ist zwingend notwendig.
Der ÖGD (Gesundheitsamt) ist bei Infektionslagen die koordinierende Fachbehörde. Er ordnet Maßnahmen nach dem Infektionsschutzgesetz an (Isolierung, Quarantäne, Meldepflichten) und führt die epidemiologische Aufklärung durch. LNA und OrgL stellen die medizinische Versorgung der Betroffenen sicher und unterstützen das Gesundheitsamt bei der Lageklärung.
🟡 MERKSATZ MANE-Lagen sind oft nicht als solche erkennbar, solange nur ein oder zwei Patienten betroffen sind. Der entscheidende Hinweis ist das Muster: mehrere Personen, gleicher Ort, ähnliche Symptome, ähnlicher Zeitraum. Wer dieses Muster erkennt und früh kommuniziert, verhindert, dass aus einem isolierbaren Ausbruch ein unkontrollierter MANE wird. |
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6.9 Krankenhausalarm – Besondere Einsatzlage KAEP
Der Krankenhausalarm ist eine besondere Einsatzlage, bei der das Krankenhaus selbst zum Einsatzort wird oder seine reguläre Funktion als Aufnahmeeinrichtung vorübergehend nicht erfüllen kann. Für LNA und OrgL ist der Krankenhausalarm-Einsatz sowohl als mögliche Aufgabe (Unterstützung der Krankenhausevakuierung) als auch als Rahmenbedingung (das Zielkrankenhaus aktiviert seinen KAEP) relevant.
Krankenhausevakuierung als Einsatzlage
Eine vollständige oder teilweise Krankenhausevakuierung ist eine der ressourcenintensivsten Lagen, die LNA und OrgL begegnen können. Sie erfordert:
Priorisierung der Patienten nach Transportfähigkeit und medizinischem Zustand (entspricht einer Sichtung unter besonderen Bedingungen)
Koordination mit dem Krankenhauspersonal: Der KAEP-Verantwortliche des Krankenhauses führt intern, LNA/OrgL führen extern
Sicherstellung der Versorgungskontinuität: Intensivpatienten, beatmungspflichtige Patienten und Dialysepatienten haben besondere Transportanforderungen
Aufnahmekrankenhäuser für alle Kategorien frühzeitig über IG NRW und direkte Kontakte klären
KAEP-Aktivierung als Rahmenbedingung für den OrgL
Wenn ein Zielkrankenhaus seinen KAEP aktiviert, verändert sich seine kurzfristige Aufnahmekapazität. In der Phase des internen Alarms (KAEP Phase 1 und 2) ist die Behandlungskapazität zunächst reduziert, weil Personal mobilisiert und umgruppiert wird. Erst nach vollständiger Aktivierung steigt die Kapazität über den Normalbetrieb hinaus. Der OrgL muss diese Dynamik kennen: Im ersten Moment kann ein alarmiertes Krankenhaus weniger aufnehmen als ein nicht alarmiertes — nicht mehr.
🔴 WICHTIG Als OrgL bei einem MANV: Verlassen Sie sich nicht allein auf die IG-NRW-Anzeige. Bei kritischen Patienten immer direkte Rücksprache mit der Notaufnahme des Zielkrankenhauses halten. 'Freie Kapazität im System' bedeutet nicht, dass Schockraum und Operationssaal sofort bereitstehen. |
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ZUSAMMENFASSUNG – KAPITEL 6 Das Wichtigste auf einen Blick:
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Lernfragen zur Selbstkontrolle
Beschreiben Sie das Drei-Zonen-Modell nach HEIKAT. Welche Kräfte dürfen in welcher Zone arbeiten?
Welche vier Lebensrettenden Sofortmaßnahmen sind im gelben Bereich zulässig?
Was bedeutet 'Dekontamination vor Behandlung' bei CBRNE-Lagen?
Warum ist die frühzeitige Entsendung von Verbindungspersonen zur Polizei so wichtig?
KAPITEL 7
Kommunikation und Dokumentation im Einsatz
LERNZIELE DIESES KAPITELS Nach dem Durcharbeiten dieses Kapitels wissen Sie: Aufbau und korrekte Nutzung des BOS-Digitalfunks beherrschen Die korrekte Sprechfunkreihenfolge kennen und anwenden Das MELDEN-Schema für strukturierte Lagemeldungen anwenden Das METHANE-Schema für die Erstmeldung beim MANV anwenden Den Informationsfluss und das Meldewesen im Einsatz kennen Die Bedeutung der Dokumentation im Einsatz verstehen Kommunikation mit Betroffenen und Öffentlichkeit richtig einordnen |
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