Kapitel 3 von 15
Grundlagen der Führung
3.1 Was ist Führung?
Stellen Sie sich vor: Chaos an der Einsatzstelle, dutzende Verletzte, begrenzte Ressourcen, Zeitdruck – genau hier kommt Führung ins Spiel. Führung bedeutet, zielgerichtet auf Menschen einzuwirken, damit eine Gruppe trotz Stress und Unsicherheit effektiv handelt. Es geht nicht um Befehle, sondern darum, Klarheit zu schaffen, Motivation zu wecken und Risiken zu minimieren – für den Einsatzerfolg und das Wohl aller Beteiligten.
Im Rettungsdienst, besonders bei MANV-Lagen, ist Führung keine Hierarchie-Sache. Jeder – vom Notfallsanitäter bis zum OrgL – kann führen, wenn er Verantwortung übernimmt. Wer entscheidet (z. B. Triage, Ressourcen-Zuweisung), trägt die Last: für richtige Prioritäten, Team-Sicherheit und Patientenversorgung. Ohne starke Führung scheitert der Einsatz – mit Führung wird aus Chaos wohlkoordinierte Abstimmung.
Warum das Kapitel "Führung"? Hier lernen Sie: Wie Sie Situationen analysieren (Lagefeststellung), Pläne schmieden (Führungsvorgang FwDV 100) und Teams leiten – praxisnah für LNA/OrgL.
Starten Sie mit einer Selbstreflexion: Wann haben Sie schon geführt? Wie hat sich das angefühlt – für Sie selbst und für die von Ihnen geführten Personen? Haben Sie aktiv Feedback eingefordert?
Führung ist die zielorientierte Einflussnahme auf das Verhalten anderer Menschen. Eine Führungskraft sorgt dafür, dass Menschen in einer Gruppe eine gemeinsame Aufgabe effektiv und sicher erfüllen – besonders dann, wenn die Situation schwierig, unübersichtlich oder gefährlich ist.
Im Rettungsdienst ist Führung keine Frage des Titels oder der Hierarchie, sondern eine Frage der Verantwortung. Wer führt, trägt die Verantwortung für Entscheidungen, für das Wohl der Einsatzkräfte und für den Einsatzerfolg.
| Aspekt | Führung im Alltag | Führung im Einsatz |
|---|---|---|
| Zeitdruck | Niedrig – Zeit zum Nachdenken | Hoch – Entscheidungen in Sekunden |
| Informationslage | Meist vollständig | Oft unvollständig und widersprüchlich |
| Konsequenzen | Meist reversibel | Oft irreversibel (Menschenleben) |
| Emotionaler Druck | Gering | Hoch (Leid, Tod, Chaos) |
| Teamdynamik | Stabil und vertraut | Oft unbekannte Einsatzkräfte |
🟡 MERKSATZ Gute Führung schafft Licht im Chaos. Sie braucht Ruhe statt Geschrei! |
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3.2 Das Führungssystem nach FwDV 100
Die
Feuerwehr-Dienstvorschrift 100 (FwDV 100) „Führung und Leitung im
Einsatz" ist das zentrale und bundeseinheitlich gültige Regelwerk für
die Führungsorganisation in der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr. Sie
wurde im März 1999 vom Ausschuss für Feuerwehrangelegenheiten,
Katastrophenschutz und zivile Verteidigung beschlossen und baut
inhaltlich auf zwei Vorläuferdokumente auf: die FwDV 12/1
„Einsatzleitung – Führungssystem" aus den Jahren 1975–1980 sowie die
Katastrophenschutz-Dienstvorschrift KatS-Dv 100 „Führung im Einsatz" von
1982.
Ihr Kerninhalt ist das Führungssystem, das aus drei untrennbar verbundenen Elementen besteht: der Führungsorganisation (Aufbau), dem Führungsvorgang (Ablauf) und den Führungsmitteln (Ausstattung). Gemeinsam bilden diese drei Elemente die strukturelle Grundlage für eine koordinierte, skalierbare Einsatzführung — vom Routineeinsatz einer einzelnen Gruppe bis hin zu überregionalen Großschadenslagen und dem Katastrophenfall.
Ein besonderes Merkmal der FwDV 100 ist ihre Skalierbarkeit: Die Führungsorganisation wächst mit dem Schadensereignis auf. Dabei bleibt die zugrunde liegende Systematik stets dieselbe, was eine reibungslose länderübergreifende Zusammenarbeit und die Zusammenarbeit verschiedener Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) erst möglich macht.
Obwohl die FwDV 100 formell eine Feuerwehrdienstvorschrift ist, gilt sie sinngemäß für alle BOS — also auch für den Rettungsdienst und den Katastrophenschutz. Sie definiert dabei auch grundlegende Begriffe: Führung als zielgerichtete Einflussnahme auf Entscheidungen und Verhalten, und Leitung als gesamtverantwortliches Handeln für eine Einsatzstelle und die dort eingesetzten Kräfte. Als Führungskonzeption setzt sie konsequent auf Auftragstaktik — also die Vorgabe eines klaren Ziels bei gleichzeitiger Handlungsfreiheit der nachgeordneten Kräfte in der Durchführung.
Für OrgL und LNA ist die FwDV 100 damit kein Dokument, das „die anderen" betrifft. Sie ist die gemeinsame Sprache aller am Einsatz beteiligten Organisationen.
✅ MERKHILFE – Die drei Säulen des Führungssystems (A-A-A) AUFBAU Führungsorganisation: Wer führt wen? Wie ist die Hierarchie? ABLAUF Führungsvorgang: Wie läuft der Denkprozess einer Führungskraft ab? AUSSTATTUNG Führungsmittel: Womit führe ich? (Funk, Karte, ELW...) |
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MEHR WISSEN?! Der QR-Code bringt Sie zum Volltext der FwDV100, hier direkt beim Institut der Feuerwehr NRW in Münster (IdF NRW). |
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3.3 Führungsorganisation – Der Aufbau
Die Führungsorganisation legt fest, wer wen führt und wie die Einsatzkräfte gegliedert sind. Grundprinzip ist die einheitliche Führung: Im Einsatz gibt es immer genau eine verantwortliche Führungskraft – die Einsatzleiterin oder den Einsatzleiter.
Führungsebenen
Die FwDV 100 definiert vier Führungsstufen, die beschreiben, wie umfangreich die Einsatzleitung selbst organisiert ist — nicht die Einsatzkräfte, sondern die Führungseinrichtung, die sie steuert:
Stufe A („Führen ohne Führungseinheit") gilt für kleine Lagen bis zur Stärke zweier Gruppen: Die Einsatzleiterin oder der Einsatzleiter führt direkt, ohne eigene Stabsunterstützung.
Stufe
B („Führen mit örtlichen Führungseinheiten") kommt beim
Zug oder Verband an einer Einsatzstelle zum Tragen — unterstützt durch
einen Führungstrupp oder eine Führungsstaffel.
Stufe C setzt eine vollständige Führungs-gruppe voraus und ist für größere Verbände an einer Einsatzstelle vorgesehen.
Stufe D schließlich — „Führen mit Führungsgruppe oder Führungsstab" — beschreibt die Großschadenslage mit mehreren Verbänden an mehreren Einsatzstellen, bei der der Führungsstab des Landkreises oder der kreisfreien Stadt aktiviert wird.
Der praktische Kern dieser Systematik:
Die Stufen steigen nicht automatisch mit der Schadensgröße — sie steigen, sobald die Informationslast der Einsatzleitung ihre eigene Verarbeitungskapazität zu überschreiten droht. Wer als OrgL erkennt, dass er ohne Führungsassistenz die Lage nicht mehr beherrscht, muss die Eskalation zur nächsten Stufe aktiv einfordern. Das ist keine Schwäche — das ist genau das, wozu die FwDV 100 ihn verpflichtet.
Die Führungsspanne
Die Führungsspanne bezeichnet die Anzahl an Personen oder Einheiten, die eine Führungskraft gleichzeitig direkt führen und koordinieren kann — ohne die Qualität ihrer Führung zu verlieren. Sie ist kein theoretisches Konstrukt, sondern eine psychologische Realität: Das menschliche Arbeitsgedächtnis ist begrenzt. Wer im Einsatz zehn Abschnittsleiter parallel koordinieren, alle Rückmeldungen verarbeiten und trotzdem klare Entscheidungen treffen muss, wird scheitern — nicht aus Inkompetenz, sondern schlicht wegen kognitiver Überlastung.
Exkurs: In der Feuerwehr- und Katastrophenschutzorganisation der Bundesrepublik Deutschland werden taktische Einheiten je nach Größe und Einsatzumfang gestaffelt, um eine flexible und effiziente Führungsstruktur zu gewährleisten. Die kleinste Einheit ist der Trupp (genau 3 Personen: Truppführer und zwei Truppmannschaften), der für einfache Aufgaben wie Erkundung oder Sofortmaßnahmen geeignet ist und typischerweise mit einem Fahrzeug ausgestattet wird. Die Staffel (genau 6 Personen inkl. Fahrzeugführer) stellt eine reduzierte Besetzungsvariante dar und wird vor allem in der Feuerwehr eingesetzt, wenn keine volle Gruppenbesetzung verfügbar oder erforderlich ist. Die Gruppe (genau 9 Personen: 1 Gruppenführer und 8 Feuerwehrangehörige, gegliedert in genau 3 Trupps) übernimmt bei alltäglichen Einsätzen oft die Einsatzleitung, während der Zug (typischerweise 2 Gruppen zuzüglich Führungskomponente, ca. 20–40 Personen) mehrere Gruppen bündelt und für größere Operationen zuständig ist – höhere Verbände skalieren dies weiter für Großschadenslagen. Die Gliederung der taktischen Einheiten ist in der FwDV 3 geregelt
Die FwDV 100 trägt dieser Erkenntnis Rechnung und empfiehlt eine maximale Führungsspanne von fünf Unterführern pro Führungsebene. Die FwDV 100 benennt keinen formalen Mindestwert; sinnvoll ist eine Spanne von mindestens drei Unterführern, da darunter eine eigene Führungsebene in der Regel nicht gerechtfertigt ist und Abschnitte zusammengelegt werden sollten.
Was passiert, wenn die Führungsspanne überschritten wird? Die Führungskraft verliert den Überblick — zunächst schleichend, dann spürbar. Meldungen kommen an, werden aber nicht mehr priorisiert. Entscheidungen verzögern sich. Einzelne Abschnitte arbeiten zunehmend ohne Führungsimpuls. Fehler häufen sich, weil niemand mehr die Gesamtlage im Blick hat. Dieser Zustand ist im MANV keine Ausnahme, sondern ein reales Risiko, das sich strukturell verhindern lässt, wenn die Führungsorganisation rechtzeitig aufwächst.
Die praktische Konsequenz ist eindeutig: Ab einer gewissen Lagegröße müssen Einsatzabschnitte gebildet werden. Nicht irgendwann, sondern proaktiv — bevor die Führungsspanne tatsächlich überschritten ist. Die Einsatzstelle wird dabei nach taktischen Erfordernissen in räumliche oder funktionale Abschnitte unterteilt; jeder Abschnitt erhält eine eigene Führungskraft, die nach oben an die Gesamteinsatzleitung berichtet und nach unten ihren Unterabschnitt eigenverantwortlich führt.
Als OrgL im Einsatzabschnitt Medizinische Rettung führen Sie in der Praxis typischerweise drei bis fünf Unterabschnitte. Jeder dieser Unterabschnitte hat eine eigene verantwortliche Führungskraft. Sie erteilen dieser den Auftrag, erhalten Lagemeldungen und greifen ein, wenn die Abschnittsleitungen an ihre Grenzen stoßen. Ihre eigene Führungsspanne bleibt dabei im Korridor der FwDV 100 — so lange, wie die Struktur stimmt.
Die Führungsspanne einzuhalten, bedeutet also nicht bürokratisches Ordnen um des Ordnens willen. Es ist die strukturelle Voraussetzung dafür, dass Sie als OrgL oder LNA jederzeit handlungsfähig bleiben.
🟡 MERKSATZ Wer nicht delegiert, führt nicht — er arbeitet allein. |
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Einsatzabschnitte und Unterabschnitte
Bei großen Einsätzen wird die Einsatzstelle räumlich oder funktional in Einsatzabschnitte (EA) unterteilt. Innerhalb eines EA können Unterabschnitte (UEA) eingerichtet werden. Typisches Beispiel beim MANV:
EA Medizinische Rettung (LNA + OrgL)
UEA Erstversorgung
UEA Transportorganisation
UEA Bereitstellungsraum RD
3.4 Der Führungsvorgang – Der Ablauf
Der Führungsvorgang ist der systematische Denk- und Handlungsablauf einer Führungskraft. Er ist ein Kreislauf, der sich immer wiederholt. Er ist keine starre Checkliste, sondern ein Gerüst für Entscheidungen unter Druck.
🟡 MERKSCHEMA – DER FÜHRUNGSKREISLAUF (nach FwDV 100) ① LAGEFESTSTELLUNG: Was weiß ich? Was ist passiert? Welche Ressourcen habe ich? ② PLANUNG: Beurteilung der Lage → Entschluss (Was tue ich?) ③ BEFEHLSGEBUNG: Auftrag erteilen – klar, kurz, vollständig ④ (erneute Lagefeststellung): Kontrolle: Hat der Befehl gewirkt? Was hat sich verändert? → Dieser Kreislauf läuft kontinuierlich während des gesamten Einsatzes! |
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3.4.1 Lagefeststellung – Erkundung und Kontrolle
Die
Lagefeststellung ist der erste und wichtigste Schritt. Ohne verlässliche
Informationen über die Lage ist jede Entscheidung ein Zufallstreffer.
Ziel ist es, ein möglichst genaues Bild der aktuellen Situation zu
gewinnen.
Wege zur Informationsgewinnung:
Eigene Erkundung: Ich gehe selbst und sehe selbst.
Meldungen: Einsatzkräfte vor Ort melden an mich.
Leitstelle: Einsatzdetails, nachgeforderte Ressourcen, Krankenhauskapazitäten.
Verbindungspersonen: Delegierte Führungskräfte berichten aus ihrem Bereich.
IG NRW und Einsatzdokumentation
Die Lagefeststellung ist niemals 'fertig'. Sie läuft parallel zu allen anderen Schritten als Kontrollaufgabe weiter: Hat mein Befehl die gewünschte Wirkung gezeigt? Hat sich die Lage verändert?
🟡 MERKSATZ Die perfekte Entscheidung kommt immer zu spät. Erst erkunden, dann handeln – aber nicht ewig erkunden! Im Einsatz ist eine rechtzeitige Entscheidung auf Basis unvollständiger Informationen besser als eine perfekte Entscheidung zu spät. |
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3.4.2 Planung – Beurteilung und Entschluss
In der Planungsphase verarbeitet die Führungskraft die gewonnenen Informationen und trifft eine Entscheidung. Die FwDV 100 gliedert diesen Schritt in Beurteilung und Entschluss.
Die Lagebeurteilung fragt systematisch:
| Frage | Inhalt |
|---|---|
| Auftrag | Was ist mein Auftrag? Was ist der dahinterliegende Sinn? |
| Eigene Kräfte | Was habe ich? Was kann ich einsetzen? Was fehlt mir? |
| Feindliche / schadensverursachende Lage | Was ist die Bedrohung? Wie entwickelt sie sich? |
| Gelände / Umgebung | Welche räumlichen Möglichkeiten und Grenzen gibt es? |
| Zeit | Wie viel Zeit habe ich? Was passiert, wenn ich warte? |
Der Entschluss ist die Entscheidung. Er ist das Ergebnis der Beurteilung. Eine gute Führungskraft trifft den Entschluss – auch wenn nicht alle Informationen vorliegen. Wer immer wartet, bis er alles weiß, handelt zu spät.
✅ MERKHILFE PRAXISHILFE – Auftragstaktik: Beim Weiterdelegieren von Aufgaben erteilen Sie nicht nur einen Befehl, sondern erklären Sie auch den Sinn dahinter. So kann der Unterführer selbst angemessen handeln, wenn sich die Lage ändert. |
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3.4.3 Befehlsgebung
Ein Befehl ist eine klare Handlungsanweisung. Er gibt Wer, Was, Wo, Wie und Wann vor. Im Einsatz gelten für die Befehlsgebung folgende Grundsätze:
Kurz: Nur das Notwendige – kein Füllwort.
Klar: Eindeutig formuliert – kein Interpretationsspielraum.
Vollständig: Alle nötigen Informationen enthalten.
Verständlich: An die Empfänger angepasst.
✅ MERKHILFE – DAS 5-W-SCHEMA FÜR BEFEHLE WER? → Welche Einheit oder Person führt den Auftrag aus? WAS? → Welche Aufgabe soll durchgeführt werden? WO? → An welchem Ort oder in welchem Bereich? WIE? → Mit welchen Mitteln, nach welchem Verfahren? WANN? → Bis wann? Ab wann? In welcher Reihenfolge? Beispiel: 'NotSan Müller – Sie übernehmen die Triage in der Patientenablage – nördlich des Busses – nach PRIOR-Schema – sofort!' |
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Wechsel der Einsatzleitung
Ein Führungswechsel mitten im laufenden Einsatz ist keine Ausnahme — er ist die Regel. Nachrückende Führungskräfte, Ablösungen bei langen Einsatzzeiten, das Eintreffen einer ranghöheren oder fachlich zuständigen Instanz: All das erzeugt Übergabesituationen, die, wenn sie schlecht gehandhabt werden, gefährliche Informationsverluste erzeugen. Genau deshalb regelt die FwDV 100 den Wechsel der Einsatzleitung nicht als formale Randnotiz, sondern als eigenständigen, verbindlichen Prozess.
Der erste und wichtigste Grundsatz lautet:
Keine Übernahme ohne vollständige Lageeinweisung.
Wer die Einsatzleitung übernimmt, ohne das aktuelle Lagebild zu kennen, führt blind. Das klingt selbstverständlich — ist es in der Praxis aber nicht. Der Druck, schnell handlungsfähig zu wirken, verleitet neue Führungskräfte gelegentlich dazu, die Einweisung abzukürzen. Das ist ein Fehler mit Konsequenzen. Was befindet sich wo? Welche Maßnahmen laufen bereits? Welche Ressourcen sind gebunden, welche verfügbar? Welche kritischen Entwicklungen zeichnen sich ab? Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, darf die Verantwortung wechseln.
Der zweite Grundsatz ist ebenso wichtig und wird häufig unterschätzt: Bereits eingeleitete Maßnahmen und Befehle dürfen nur bei zwingenden Gründen geändert werden. Eine neue Führungskraft, die reflexartig eigene Strukturen einzieht und laufende Maßnahmen revidiert, sendet zwei destruktive Signale gleichzeitig: Sie erschüttert das Vertrauen der Einsatzkräfte in die Stabilität der Führung, und sie unterbricht Prozesse, die womöglich gut funktionieren. Änderungen sind erlaubt — aber nur dort, wo sie taktisch geboten sind, nicht wo sie dem Impuls entspringen, die eigene Handschrift zu hinterlassen.
Der dritte Grundsatz betrifft die Kommunikation des Wechsels selbst: Übergabe und Übernahme müssen klar, laut und für alle Beteiligten hörbar vollzogen werden. Die FwDV 100 schreibt dafür feste Formulierungen vor:
„Ich übernehme die Einsatzleitung. Übernehmen Sie die …" „Habe Einsatzleitung an … übergeben. Ich übernehme die …"
Diese Formeln mögen knapp klingen — aber sie erfüllen eine wichtige Funktion: Sie schaffen Klarheit darüber, wer in diesem Moment Verantwortung trägt und wer Anweisungen entgegennehmen muss. Ein unklarer Führungswechsel ist einer der häufigsten Auslöser für Doppelentscheidungen, widersprüchliche Befehle und das gefährlichste aller Phänomene im Einsatz: die unbemerkte Führungslosigkeit.
Der Wechsel ist zudem zu dokumentieren und allen nachgeordneten Einsatzkräften aktiv bekannt zu geben — nicht nur denen, die unmittelbar dabeistehen. Auch wer gerade am Behandlungsplatz arbeitet oder eine Transportkoordination abwickelt, muss wissen, wen er jetzt als Führungskraft über sich hat.
Kurz gesagt: Ein Führungswechsel ist kein organisatorischer Akt am Rande — er ist ein kritischer Moment, der strukturiert, gut kommuniziert und dokumentiert werden muss. Wer ihn unterschätzt, riskiert, dass eine gut laufende Lage innerhalb von Minuten in Unordnung gerät.
🔴 WICHTIG Beim Wechsel von kommissarischer zu regulärer Führung (z. B. wenn LNA und OrgL eintreffen) ist eine strukturierte Übergabe entscheidend. Alles, was der kommissarische Führer bereits entschieden oder in die Wege geleitet hat, muss kommuniziert und übergeben werden. |
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3.5 Führungsmittel – Die Ausstattung
Führungsmittel sind alle technischen und organisatorischen Hilfsmittel, die eine Führungskraft bei der Informationsgewinnung, -verarbeitung und Befehlsgebung unterstützen.
| Kategorie | Beispiele |
|---|---|
| Informationsgewinnung | BOS-Digitalfunk (TETRA), Fernsprechvermittlung, Erkundungsfahrzeuge, Verbindungspersonen |
| Informationsverarbeitung | Lagekarten, Lagedarstellung, Einsatzdokumentation, Checklisten, IG NRW, Einsatzunterstützungssysteme |
| Befehlsgebung | Funk (DMO/TMO), Fernsprechmittel, Verbindungspersonen, Meldersysteme, Befehlsschemata |
| Fahrzeuge | ELW 1 (für Einsatzabschnitte), ELW 2 (für große Lagen / Stäbe) |
✅ MERKHILFE Taktische Zeichen: Als Führungskraft sollten Sie die wichtigsten taktischen Zeichen der FwDV 100 kennen. Sie erlauben eine schnelle, normierte Darstellung auf Lagekarten, die jeder BOS-Angehörige versteht. |
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3.6 Führungsstile im Einsatz
Wer führt, trifft ständig eine Entscheidung, die er selbst oft nicht bewusst wahrnimmt: wie er führt. Der Führungsstil ist keine abstrakte Kategorie aus dem Managementlehrbuch — er ist das konkrete Verhalten, das eine Führungskraft in einer bestimmten Situation zeigt, und er hat unmittelbare Auswirkungen darauf, wie schnell Entscheidungen getroffen werden, wie gut das Team mitdenkt und ob in kritischen Momenten das Richtige passiert.
Die Literatur beschreibt Führungsstile nicht als starre Typen, zwischen denen man sich einmalig entscheidet. Sie beschreibt sie als ein Spektrum, das situationsabhängig genutzt werden muss. Kein Stil ist per se besser als ein anderer — entscheidend ist, ob er zur Lage passt. Eine Führungskraft, die das nicht versteht und immer gleich führt, unabhängig davon, ob gerade eine Massenanfallslage mit 40 Verletzten läuft oder eine ruhige Lagebesprechung stattfindet, wird in einer dieser Situationen systematisch versagen.
Die drei praxisrelevanten Grundstile lassen sich wie folgt einordnen:
| Führungsstil | Beschreibung | Wann geeignet? |
|---|---|---|
| Autoritär | Führungskraft entscheidet allein, erwartet sofortigen Gehorsam | Akutphase, Zeitdruck, Lebensgefahr |
| Kooperativ | Führungskraft bezieht Unterführer in die Entscheidung ein | Planungsphase, unklare Lage, kreative Lösungen gesucht |
| Delegativ | Führungskraft übergibt Entscheidungsfreiheit an Unterführer | Nur bei sehr erfahrenem Team und klarer Lage |
✅ MERKHILFE – SITUATIVES FÜHREN Im Feuer befehle ich → autoritärer Stil In der Pause frage ich → kooperativer Stil Dem Experten vertraue ich → delegativer Stil Kein Stil ist immer richtig – immer flexibel bleiben! |
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MEHR WISSEN?! Sie wollen wissen, was für ein Führungstyp Sie sind? Testen Sie es, indem Sie den QR-Code scannen – und erfahren Sie, was für ein Führungsstil Ihnen liegt. |
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ZUSAMMENFASSUNG – KAPITEL 3 Das Wichtigste auf einen Blick: Das Führungssystem nach FwDV 100 besteht aus Führungsorganisation (Aufbau), Führungsvorgang (Ablauf) und Führungsmitteln (Ausstattung). Der Führungsvorgang ist ein Kreislauf: Lagefeststellung → Planung (Beurteilung + Entschluss) → Befehlsgebung → erneute Lagefeststellung. Die maximale Führungsspanne beträgt ca. 5 Unterführer. Bei größeren Lagen müssen Einsatzabschnitte gebildet werden. Befehle folgen dem 5-W-Schema: Wer? Was? Wo? Wie? Wann? Situatives Führen bedeutet: Den Führungsstil der Situation anpassen, nicht stur einem Stil folgen. |
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📋 FALLBEISPIEL – Kapitel 3 | Führungsvorgang und Führungsstile AUSGANGSLAGE: Samstagabend, 18:40 Uhr. An einer Autobahnauffahrt kollidieren ein Kleinbus (7 Insassen) und ein Pkw (2 Insassen) nach einem Überholmanöver. Ihr RTW ist das erste Rettungsmittel an der Einsatzstelle. Beim Eintreffen sehen Sie: 4 Personen stehen offensichtlich unverletzt am Fahrbahnrand, 2 Personen sitzen bewusstlos im Kleinbus (Fahrzeugtüren versperrt), 1 Person liegt auf der Fahrbahn mit sichtbarer Oberschenkelfraktur und ruft um Hilfe, die Fahrerin des Pkw ist ansprechbar und klagt über Brustschmerzen und Atemnot. Ihr Kollege im RTW ist Rettungssanitäter mit 6 Monaten Berufserfahrung. Ein zweiter RTW ist mit 4 Minuten ETA angemeldet, die Feuerwehr mit 6 Minuten. Kein Notarzt verfügbar. AUFGABE 1 – Lagefeststellung (3.4.1): Beschreiben Sie Ihre ersten Schritte nach dem Aussteigen. Welche vier Kernfragen der Lagefeststellung beantworten Sie sofort, welche erst im Verlauf? Wo positionieren Sie sich physisch – und warum? AUFGABE 2 – Führungsvorgang und Priorisierung (3.4): Sie können nicht gleichzeitig alle Patienten versorgen. Erläutern Sie, wie Sie den Führungsvorgang nach FwDV 100 in den ersten 3 Minuten durchlaufen. Welchen Patienten priorisieren Sie – und auf welcher Grundlage? Begründen Sie, warum Sie gerade nicht zum laut rufenden Patienten mit der Fraktur gehen, obwohl dieser am sichtbarsten leidet. AUFGABE 3 – Befehlsgebung (3.4.3): Formulieren Sie einen konkreten Befehl an Ihren RS-Begleiter. Achten Sie auf alle Bestandteile eines vollständigen Befehls: Wer, Was, Wo, Warum, Wann, Womit. Wie gehen Sie damit um, dass Ihr Begleiter unerfahren ist? AUFGABE 4 – Führungsstil (3.6): Als nach 4 Minuten der zweite RTW eintrifft, übernimmt der erfahrenere NotSan dessen Besatzung. Wechseln Sie jetzt den Führungsstil – und wenn ja, von welchem zu welchem? Begründen Sie Ihre Entscheidung anhand der Situationsmerkmale. AUFGABE 5 – Übergabe der Führung (3.3): Kurz darauf trifft der Leitende Notarzt ein und übernimmt die medizinische Einsatzleitung. Wie gestalten Sie die Übergabe strukturiert und lückenlos? Welche Informationen sind zwingend zu übergeben, welche können warten? Was ändert sich für Sie nach der Übergabe? HINWEIS: Diskutieren Sie die Aufgaben in der Gruppe – erfahrungsgemäß zeigen sich bei Aufgabe 4 die deutlichsten Meinungsunterschiede. Es gibt keine einzelne richtige Antwort; entscheidend ist die schlüssige Begründung. |
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Lernfragen zur Selbstkontrolle
Beschreiben Sie den Führungskreislauf nach FwDV 100 in eigenen Worten. Welcher Schritt ist Ihrer Meinung nach am schwierigsten?
Was ist die 'Führungsspanne' und warum sollte sie fünf nicht überschreiten?
Ein LNA trifft an einer MANV-Lage ein und möchte die Abschnittsleitung übernehmen. Welche Schritte muss er dabei beachten?
Formulieren Sie einen vollständigen Befehl nach dem 5-W-Schema für folgende Situation: Sie wollen, dass ein NotSan mit einem RTW zur Patientenablage fährt und dort Patienten der Sichtungskategorie II transportiert.
Wann ist ein autoritärer Führungsstil angemessen – und wann schadet er?
KAPITEL 4
Die Funktionen LNA und OrgL
LERNZIELE DIESES KAPITELS Nach dem Durcharbeiten dieses Kapitels wissen Sie:
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